Zylindrex beziehungsweise Struktupel - Fachliteratur macht Spaß

Donnerstag, 20. April 2006, 21:32 Uhr

Der Literaturhinweis für einen Teil meiner Prüfung bestand, durchaus passend zu meinen Vorurteilen, aus “Lesen Sie mal dieses Buch”. Zur Abwechslung also mal deutsche Fachliteratur, und dann ja auch noch in Psychologie. Nicht gerade das, was ich so gewohnt bin.

Und es erfüllt auch noch ein paar weitere meiner Vorurteile. Zuerst einmal werden lustig Wörter erfunden. Ich hab noch nicht so ganz verstanden, was der Unterschied zwischen einem Zylinder und einem Zylindrex sein soll, zum Beispiel. Außer, dass ein Zylindrex wohl aus mehreren Radex-Scheiben besteht. Und eine Radex-Scheibe ist eine Scheibe. Oder so. Und Struktupel sind Teilstrukturen von irgendwas, wenn ich das richtig verstanden hab. Weiß nicht so recht, wo das “-tupel” herkommt — ich dachte ja immer, davor stünde entweder gar nix oder die Stelligkeit des Tupels…

Aber eins nervt mich gewaltig, und das ist der inflationäre Gebrauch von “beziehungsweise” (und dieses Phänomen ist nicht auf das eine Buch beschränkt). Laut Wiktionary gibt es zwei Verwendungsarten für “beziehungsweise”:

[1] genauer gesagt
[2] und im anderen Fall

Meiner Meinung nach ist Fall (1) ganz einfach schlechtes Deutsch und dient nur dazu, den Satz aufzublasen. Wenn man in geschriebenem Deutsch ein “genauer gesagt” verwendet, dann sollte man in 95% der Fälle einfach direkt genauer sagen, was man denn sagen möchte. Meist wird es auch nur anstelle von “oder” verwendet — was wohl nicht wichtig genug klingt.

Wiktionary hat übrigens ein schönes Beispiel für Fall (2): “Sie kraulte ihrem Hamster und Wellensittich oft das Fell beziehungsweise die Federn.” Genau: dem Hamster wird das Fell gekrault, dem Wellensittich die Federn. Und das “beziehungsweise” stellt klar, dass es genaus so rum ist und nicht etwa umgekehrt. Oder auch “Anna und Maria sind acht beziehungsweise vier Jahre alt” — ganz klar, Anna ist also die Ältere von den beiden.

Ganz schlimm wird’s, wenn Leute “beziehungsweise” im Fall (1) in jedem zweiten Absatz verwenden — aber Sätze, in denen ein “beziehungsweise” à la (2) durchaus helfen würde, völlig vermurksen. Ein schönes Beispiel für diese Verwirrungstaktik: “Aus wissenschaftstheoretischer Sicht lassen sich wissenschaftliche Begriffe in Beobachtungsbegriffe und theoretische Begriffe bzw. Konstrukte unterteilen.” Preisfrage: ist “theoretischer Begriff” nun ein Synonym von “Konstrukt”?

11 Kommentare Newsfeed für Kommentare

  1. ja, auf jeden Fall und ohne jeden Zweifel ist “theoretischer Begriff” ein Synonym von “Konstrukt”: theoretischer Begriff ist Bestandteil der wissenschaftlichen Modellierung und daher ist ein Konstrukt.
    Ansonsten schliesse ich mich der Meinung an, dass die von Wiktionary angegebenen Verwendungsarten für “beziehungsweise” sehr schwammig und z.T. irreführend sind.
    [1] genauer gesagt - kann es überhaupt nicht sein!
    [2] und im anderen Fall - würde “entsprechend” verwenden!

  2. @Philologin: Mir war schon klar, dass die “theoretischer Begriff” als Synonym für “Konstrukt” nehmen. Aber wenn man nur den Satz alleine vorgesetzt bekommt, ohne Hintergrundwissen, ist es… sagen wir, nicht die eindeutigste Formulierung, die ich mir vorstellen könnte.

    Ansonsten muss ich mich aber wohl selbst etwas unklar ausgedrückt haben ;( An den Verwendungsarten aus dem Wiktionary habe ich nichts auszusetzen; im Duden steht übrigens im Wesentlichen dasselbe. Meiner Meinung nach ist halt eine Verwendung im Sinne von Fall (1) schlechtes Deutsch und gleichzeitig leider sehr stark verbreitet. Fall (2) ist völlig in Ordnung (und ehrlich gesagt wüsste ich nicht, wie man etwa in dem Beispiel mit dem Wellensittich und dem Hamster stattdessen “entsprechend” unterbringen könnte).

    Ich sehe bei der Verwendung von “beziehungsweise” das Problem, dass viele Leute es sehr oft und jedesmal synonym für “und”, “oder” oder “genauer gesagt” benutzen. Erstens ist das — meiner Meinung nach — aufgeblasenes Wichtigtuer-Deutsch [1]. Zweitens führt es dazu, dass solche Texte weniger leserlich werden — weil man nämlich nicht mehr sicher sein kann, ob jetzt Fall (1) oder Fall (2) gemeint ist. Und für Fall (2) kenne ich zumindest keine gute Formulierung, die dasselbe sagt und dabei nicht furchtbar umständlich wird.

    [1] Nicht, dass ich selbst nie in die Versuchung kommen würde, das so zu verwenden — aber dafür gibt’s ja das Korrekturlesen…

  3. (a) Def. Wahrig: “[1] oder, oder auch; [2] oder vielmehr, besser gesagt” (Dort steht aber nicht “genauer gesagt”, und nicht von ungefähr.)
    Def. Pons: „[1] drückt aus, dass zwei Aussagen in gleicher Weise auf etwas zutreffen; [2] drückt eine Alternative aus“ (Bsp. zu Def. Wahrig [1] /Def. Pons [1, 2]: “Aus wissenschaftstheoretischer Sicht lassen sich wissenschaftliche Begriffe in Beobachtungsbegriffe und theoretische Begriffe bzw. Konstrukte unterteilen.”)
    (b) “beziehungsweise” wird anscheinend oft absichtlich, m.a.W. stilistisch zur Relativierung und Erweiterung einer Aussage eingesetzt (v.a. bei Def. Pons berücksichtigt), was natürlich nicht zur unnötigen Verwässerung führen darf.
    (c) Eigentlich wäre „respektive“ das einzige Synonym, ist aber e. Fremdwort und erklärt auch gar nichts.
    (d) Zugegeben, beim „entsprechend“ habe ich mit dem romanischen „korrespondierend“ spekuliert und Erklärung über Satzfigur versucht. Z.B. engl.“ correspond“ im Sinne von „analog sein“ (siehe Analogie – Rhetorik wikipedia).
    Jedenfalls vielen Dank für die Antwort BZW. habe ich mich sehr gefreut ;))

  4. Toller Beitrag von dir!
    Zum Schluß ganz konkret:
    Für Fall [2] kennst du “keine gute Formulierung, die dasselbe sagt und dabei nicht furchtbar umständlich wird”, da sich hier eindeutig um die abgewandelte Form der Satzfigur (= “rhetorische Figur, Stilfigur, Stilmittel, Redefigur”)
    Parallelismus (= “gleiche Anordnung von einander ENTSPRECHENDEN
    Satzgliedern”) handelt. Also die Bedeutung von “bzw.” im Fall [2] “arbeitet” nicht nur auf semantischer, sondern auch auf syntaktischer Ebene.
    Um man sicher sein zu können, ob jetzt Fall [1] oder Fall [2] gemeint ist, sollte man darauf achten, ob die Funktion von “bzw.” im gegeben Satz v.a semantisch oder v.a. syntaktisch ist.

  5. Danke für’s Lob und für die ausführlichen Erklärungen ;)

    Meine Meinung ist allerdings etwas undiplomatischer als deine: Meiner Meinung nach sollte man “beziehungsweise” grundsätzlich nur in solchen Fällen wie mit dem Wellensittich oben verwenden. Also bei Sätzen der Form

    A und B haben die Eigenschaften a bzw. b.

    Denn dann ist klar, was gemeint ist: A hat die Eigenschaft a, B die Eigenschaft b.

  6. Sehr interessanter Beitrag, ich verspreche, dass ich mehr auf den Gebrauch von beziehungsweise achten werde!

  7. Anmerkung: Während es sich bei mir um aufrichtiges Lob handelt, haben wir bei Christian mit einem “Captatio benevolentiae” (siehe Wikipedia) zu tun.

  8. @philologin:
    Aha, Also Wohlwollen wollte ich sicher nicht erhaschen, sondern nur zum Ausdruck bringen, dass mir durch diesen Artikel ein Licht aufgegangen ist, was den Gebrauch des Wortes “beziehungsweise” angeht.

  9. Klasse, hier ist ja endlich mal was los bei den Kommentaren ;)

    Falls es irgendwen interessiert: ich hab eben gesehen, dass im Zwiebelfisch-ABC so ziemlich das gleiche steht wie in meinem Beitrag (inklusive dem “respektive” der philologin, übrigens). Für diejenigen, die Leuten beim Spiegel mehr glauben als mir ;)

  10. Ich möchte wirklich sehen, wie Bastian Sicks “BZW.” im Satz “ich danke dafür BZW. habe mich gefreut” durch “genauer gesagt” ersetzen wird! Oder mit “und” oder “oder”, oder wie auch immer (bis auf Auslassen)!
    Ich teile voll die Auffassung der Wikipedia zu “BZW.”:
    “Es soll andeuten, dass sich der nachfolgende GEDANKE zwar auf das vorher Gesagte bezieht, aber von einem UNTERSCHIEDLICHEN Standpunkt aus betrachtet.”
    Die Verwendungsart “A und B haben die Eigenschaften a bzw. b.” als ausschließlich ist charakteristisch für die englische Sprache v.a. aus syntaktischen Gründen. In der Deutschen, wie auch in anderen, ist auch eine andere Verwendung sinnvoll und auf diese will ich sicherlich nicht grundsätzlich verzichten.
    Und Duden danke ich für die neue(n) Rechtschreibung(en).(Ironie)

  11. Korrektur: natürlich “Auffassung von”.

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